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Wie junge Frauen in deutschen Fahrschulen belästigt werden 

Zu diesem Thema ist auf vice.com ein Artikel erschienen, für den auch unsere Mitarbeiterin Roswitha Gemke interviewt wurde. Sie können den Artikel hier lesen. 

 

 

UnsereStellungnahme an die Braunschweiger Zeitung 

Die Braunschweiger Zeitung veröffentlichte am 04.11.2017 die Satire "5 gute Tipps für Männer". Die Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz verfasste daraufhin einen Leserinnenbrief, auf den der verantwortliche Redakteur Martin Jasper sowie der Ombudsrat am 22.11.2017 in der Braunschweiger Zeitung antworteten. Sowohl die Satire, als auch die Reaktionen der Braunschweiger Zeitung auf den Leserinnenbrief haben wir mit Erschrecken gelesen. Sie finden die Satire und die Reaktionen hier. Das ist unsere Stellungnahme dazu:

 

Sehr geehrter Herr Jasper, sehr geehrter Ombudsrat,    

 

wir von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle bei sexueller Gewalt in Braunschweig haben mit Erschrecken die Satire „5 gute Tipps für Männer“ und Ihre jeweiligen Reaktionen zu dem Leserinnenbrief von der Gleichstellungsbeauftragten Marion Lenz gelesen. Wir wollen nun zu beidem Stellung beziehen:

 

„Satire darf alles“, schrieb Kurt Tucholsky, zeit seines Lebens ein profilierter Kritiker herrschender Zustände und von den Nazis verhasst. Er sagte aber auch: „Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (…), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.“ Ja, auch an Satire gibt es den Anspruch, Lügen und Mythen nicht zu reproduzieren, sondern zu entlarven. Gelungen ist das hier nicht, weder in der angeführten Satire, noch in der Reaktion auf den Leserinnenbrief von Marion Lenz.

 

Sie kramen in Ihrer Satire uralte Vergewaltigungsmythen, die schon so vielen Betroffenen geschadet haben, hervor und stellen sie in aller breite dar. Anschließend relativieren Sie zusätzlich die Gewalt gegen Frauen in Ihren Reaktionen auf den Leserinnenbrief. Daher für Sie nun zunächst einige Daten und Fakten zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

 

Sexualisierte Gewalt ist ein tief verankertes, gesellschaftliches Problem. Jedes 3-4 Mädchen und jeder 7-8 Junge sind von sexuellem Missbrauch betroffen. Die Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 zeigt, dass in Deutschland ca. jede 7. Frau seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt. Das war noch vor der Reform des Sexualstrafrecht, das am 10. November 2016 in Kraft trat. 60% haben sexuelle Belästigung erlebt. 37% der Frauen, die von körperlicher Gewalt betroffen sind und 47%, die von sexueller Gewalt betroffen sind, erzählen niemandem davon. Das gilt vor allem dann, wenn der Täter aus dem nahen Umfeld kommt. Dies ist bei ca. 2/3 der Betroffenen der Fall. Die Täter sind meistens Männer. Mit auf den Rücken klopfen und freundlich lächeln hat die Gewalt, die Betroffene erleben, wenig zu tun.

 

Nach einer anerkannten Prävalenzstudie von 2004 zeigten 95% aller betroffenen Frauen strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt nicht an. Das heißt, die allermeisten Fälle werden nie angezeigt. 2015 führten nur 7,7% aller angezeigten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung. Meist steht Aussage gegen Aussage. Wie bei Jörg Kachelmann. Er ist aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden, d.h. es konnte weder bewiesen werden, dass er unschuldig ist, noch dass seine Nebenklägerin ihn falsch beschuldigt hat. Die Anzeigenbereitschaft ist seit der Reform des Sexualstrafrechts gestiegen, aber auch die Zahlen der Einstellungen, da hier ebenfalls meist Aussage gegen Aussage steht.

 

Falschbeschuldigungen gibt es – sie machen aktuellen Erhebungen zufolge einen Anteil von 5-10% aus. D.h. von den 5% der Frauen, die sich trauen anzuzeigen, sind 5-10% Falschbeschuldigungen. Anders ausgedrückt: Die meisten Vergewaltiger können vollkommen ohne Konsequenzen weiterleben. Betroffene allerdings nicht. Viele leiden lange unter den Folgen sexualisierter Gewalt.

 

Ob in den USA kaum mehr ein Mann in der Berufswelt oder an der Universität den Aufzug mit einer Frau zu teilen wagt, können wir nicht beurteilen. Allerdings wissen wir, dass gegen den aktuellen Präsidenten der USA schwere Anschuldigungen von mehreren Frauen vorliegen. Dass er damit angibt, Frauen bedrängt und genötigt zu haben, ist allgemein bekannt. Präsident ist er trotzdem geworden. Lediglich 5% der Frauen zeigen eine Vergewaltigung an. Ein Grund dafür ist ihre Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, sie als Falschbeschuldigerinnen bezeichnet und in Folge sozial geächtet werden. Diese Angst ist verständlich, denn die Vorstellung, dass Frauen rachsüchtig sowie manipulativ seien und Männer falsch beschuldigen würden, hat eine lange Tradition. Selbst Kinder müssen im Schnitt 7 Personen erzählen, dass sie missbraucht werden, bevor ihnen geglaubt wird und jemand hilft. Wenn Sie sich die eingangs dargestellten Zahlen ansehen, ist es für einen Mann eher unwahrscheinlich falsch beschuldigt zu werden, für Frauen ist es aber sehr wahrscheinlich vergewaltigt zu werden. Zumal falsche Verdächtigung als Straftat gilt, die mit einer Freiheitsstrafe einhergehen kann und das Prozedere, das einer Anzeige folgt, d.h. Befragungen, Vernehmungen, Gerichtsprozess usw. gerade für Betroffene nicht einfach ist.

 

Die Debatte um Sexismus als in Zügen hysterisch zu bezeichnen ist ein tiefer Griff in die Kiste der platten Klischees. Der Begriff der Hysterie wurde seit der Antike genutzt, um Frauen und ihre Proteste gegen Unterdrückung zu deskreditiere und sie zum Schweigen zu bringen. Auch Sie haben dieses Wort genutzt, um die Debatte um Sexismus als übertrieben darzustellen und sie somit ins lächerliche zu ziehen. 

 

Wenn Sie eine Lanze für die von Ihnen angeführten, unbescholtenen Männer brechen wollen, macht es wenig Sinn, alte Vergewaltigungsmythen in „Vorsicht, Satire“ hervorzuholen sowie auszubreiten und die Gewalt zu verharmlosen. Das verhöhnt die Betroffenen und trägt durch die Verharmlosung dazu bei, dass die Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufrecht erhalten bleibt. Stattdessen sollten Sie sich dafür einsetzen, dass sich die von Ihnen angeführten, unbescholtenen Männer solidarisch mit den Betroffenen zeigen, dass sie anderen, die übergriffig sind und Gewalt ausüben, Grenzen setzen.  Sie haben es vorgezogen eine Debatte ins lächerliche zu ziehen, die sich gegen Gewalt an Frauen und Mädchen einsetzt.

 

Präventionskoffer für Schulen und Kindertageseinrichtungen zum Ausleihen 

Wir verleihen Präventionskoffer an LehrerInnen, Zu ErzieherInnen und MultiplikatorInnen und andere zum Thema: Kinder und Jugendliche in ihrer körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung stärken. Mehr Informationen unter Prävention.

 

 

Schriftliche Stellungnahme

des Bundesverbandes Frauenberatunsstellen und Frauennotrufe (bff) zur öffentlichen Anhörung zu dem Bericht zur Situation der Frauenhäuser, der Fachberatungsstellen und anderer Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder
PDF

 

 

Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch fordern:

Hilfe für von sexueller Gewalt betroffene Mädchen und Jungen verbessern

 

Wenn heute Mädchen und Jungen nicht vor sexuellem Missbrauch geschützt werden…

wenn heute betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene keine angemessene und ausreichende Hilfe bekommen…

dann werden wir in 20 Jahren die heutigen Fälle sexuellen Missbrauchs aufarbeiten müssen.

 

Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute noch werden Mädchen und Jungen sexuell missbraucht. Die Folgen von sexuellen Gewalterfahrungen sind in starkem Maße abhängig einer unbürokratischen Akutversorgung, dem räumlichen Schutz vor dem Täter/der Täterin, der Beratung, den therapeutischen Hilfen, der alltagspraktischen Entlastung, die Opfer sexueller Gewalt und ihre Angehörigen erfahren sowie einer opfer- und kindgerechten juristischen Arbeitsweise. Bleiben betroffene Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer der sexuellen Gewalt schutzlos ausgeliefert und werden ihnen nicht zeitnah angemessene Hilfen angeboten, so erhöht sich das Risiko von Folgeproblematiken.

 

Beratungs- und Hilfsangebote müssen auf die Bedürfnisse von betroffenen Kindern und Jugendlichen und auch deren Freundinnen und Freunde abgestimmt sein: Mädchen und Jungen müssen das Recht haben, sich unabhängig von der Zustimmung ihrer Sorgeberechtigten beraten zu lassen. Sie brauchen wohnortnahe, kostenlose und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbare Angebote, die auch den Bedürfnissen von Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen und mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gerecht werden. Wartezeiten sind betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Freundinnen und Freunden nicht zumutbar.

 

In Deutschland gibt es neben allgemeinen Beratungsstellen spezialisierte Fachberatungs- stellen für die Unterstützung von Opfern sexueller Gewalt. Doch nicht überall sind solche Angebote vorhanden oder die vorhandenen sind nicht ausreichend ausgestattet, finanziell nur unzureichend abgesichert und nicht für alle Betroffenen gleichermaßen zugänglich. Es fehlt insbesondere an spezialisierten Angeboten für männliche Opfer, für betroffene Mädchen und Jungen mit Behinderungen und an Angeboten im ländlichen Bereich. Aber selbst in den Großstädten ist das Angebot unzureichend.

 

Seit Mitte der 80er Jahre sind die gravierenden Lücken im Versorgungsnetz für sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen öffentlich bekannt. Auch heute noch werden in aktuellen Fällen betroffene Mädchen und Jungen nicht ausreichend geschützt und bleiben in ihrer Not allein.

 

Der Runde Tisch „Sexueller Missbrauch" forderte vor zwei Jahren den flächendeckenden Ausbau und die finanzielle Absicherung der Fachstellen gegen sexuellen Missbrauch. Bisher ist jedoch so gut wie nichts passiert. Bund, Länder und Kommunen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Dies geht auf Kosten der Opfer. Im moralischen Sinne kommt dies einer unterlassenen Hilfeleistung gleich.

 

Setzen Sie sich bei Ihren Abgeordneten auf

kommunaler, Landes- und Bundesebene für die Interessen von sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen ein! Engagieren Sie sich für das Recht von kindlichen und jugendlichen Opfern sexuellen Missbrauchs auf Beratung!

 

Um den Zugang zum Beratungs- und Hilfenetz zu verbessern, hat der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs gemeinsam mit seinem Fachbeirat den folgenden Forderungskatalog erarbeitet, der im Rahmen eines Hearings „Kinder und Jugendliche – Beratung fördern, Rechte stärken" gemeinsam mit Jugendlichen, Betroffenen, Eltern sexuell missbrauchter Mädchen und Jungen sowie Fachkräften weiterentwickelt wurde.

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*(Anmerkung: Eine ausführliche Begründung der Forderungen finden Sie unter http://beauftragter-missbrauch.de/mod/resource/view.php?id=1000 zum Downloaden)

Unterstützen Sie gemeinsam mit den Fachberatungsstellen diese Forderungen mit Ihrer Unterschrift:

1. Kinder und Jugendliche brauchen einen eigenständigen Rechtsanspruch auf Beratung.

2. Beratungsangebote und therapeutische Hilfen müssen leicht zugänglich, umfassend und auf die Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen abgestimmt sein.

3. Fachberatung gegen sexuellen Missbrauch muss flächendeckend ausgebaut sowie finanziell und personell abgesichert werden – entsprechend der Einwohnerzahl.

4. Versorgungslücken bei Therapieplätzen müssen geschlossen werden.

5. Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, brauchen themenspezifische Qualifikation.

6. Empirische Kenntnisse über die „insoweit erfahrenen Fachkräfte" müssen gewonnen werden.

(Dies sind Fachkräfte, die u.a. im Falle der Vermutung eines sexuellen Missbrauchs bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung beratend tätig sind.)

7. Sexuelle Grenzverletzungen durch Jugendliche und Kinder erfordern Unterstützung sowohl für Betroffene, Eltern und Fachkräfte als auch für sexuell übergriffige Jugendliche und Kinder.

8. Gerichtsverfahren müssen opfer- und kinderschonend gestaltet werden.

9. Gutachterinnen, Gutachter und Verfahrensbeistände müssen ausreichend für ihre Tätigkeit in Fällen sexuellen Missbrauchs qualifiziert sein.

Petition unterschreiben unter folgendem Link:

https://www.openpetition.de/petition/online/hilfen-fuer-sexuell-missbrauchte-maedchen-und-jungen-verbessern